Interview mit Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer
Büro Bürgerdialog:
Dr. Montgomery, welche Perspektive ermöglicht die Telemedizin in der Patientenversorgung – v.a. im ländlichen Raum aus Sicht der Ärzteschaft?
Dr. Montgomery:
Telemedizinische Methoden können in der Patientenversorgung die Behandlungsqualität verbessern – dafür haben wir mittlerweile gute Beispiele! Gerade was den Ärztemangel im ländlichen Raum angeht, können diese Methoden enorm hilfreich sein. Wir dürfen aber umgekehrt nicht den Fehler machen, Telemedizin als Allheilmittel für die Probleme rund um den Arztmangel anzusehen – das wird leider immer wieder getan. Die Ärzteschaft steht der Telemedizin offen gegenüber – wir legen aber größten Wert darauf, dass die Patientensicherheit gewährleistet ist und der medizinische Nutzen die Triebfeder bei der Entwicklung ist.
Büro Bürgerdialog:
„Der Mensch mit Bedarf an Intensiv- und Palliativmedizin ist oft nicht in der Lage, für sich Entscheidungen zu treffen. Selbstbestimmung muss aber möglich bleiben.“ Das ist ein Dilemma, das Bürger bei dem Thema Intensiv- und Palliativmedizin auf unseren Bürgerkonferenzen formuliert haben.
Wie gehen Ärzte im klinischen Alltag damit um?
Dr. Montgomery:
Wir treffen im Versorgungsalltag glücklicherweise immer öfter auf Patienten, die für solche Situationen mit einer Patientenverfügung vorgesorgt haben – der Wille des Patienten kann so unmittelbar von den behandelnden Ärzten umgesetzt werden. Wenn der Patientenwille vorab nicht aufgeschrieben wurde, müssen wir im Gespräch mit den Angehörigen und Freunden des Patienten den mutmaßlichen Willen herausbekommen – das ist im hektischen Krankenhausbetrieb oft ein aufwändiger Prozess. Richtschnur ist für uns Ärzte dabei unter anderem die im letzten Jahr fertiggestellte Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen – hier wurde in einem sehr breit und umfassend geführten gesellschaftlichen Diskurs ein Commitement zur Betreuung sterbender Menschen in Deutschland gefunden.
Büro Bürgerdialog:
Wo sehen Sie die größte Herausforderung beim Einsatz von neuronalen Implantaten?
Dr. Montgomery:
Diese Verfahren haben eindeutige Erfolge bei der Behandlung der Parkinson´schen Erkrankung gezeigt – im klinischen Alltag sind hier neuronale Implantate schon weit verbreitet. Derzeit werden weitere Indikationen für diese Methoden erprobt. Für uns ist es bei diesem Thema sehr wichtig, dass wir zwischen etablierten Techniken – wie beispielsweise den Cochlea-Implantaten und visionären Anwendungen – also beispielsweise Implantate zur Gedächtnisverbesserung – unterscheiden. Bei der etablierten Wiederherstellung der Hörfähigkeit oder bei der Behandlung von Bewegungsstörungen mit neuronalen Implantaten stellen sich relativ wenige ethische Fragen – bei den visionären Ansätzen dagegen schon! Wir sollten also die Zukunftsthemen streng von den aktuell etablierten Methoden trennen. Die Diskussion über die ethischen, methodischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen der weiteren Entwicklung von neuronalen Implantaten ist innerhalb der Ärzteschaft in vollem Gange – unter anderem auch im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer.
Büro Bürgerdialog:
Sie sind Mitglied im Beraterkreis zum Bürgerdialog Hightech-Medizin. Was erwarten Sie sich von diesem Bürgerdialog? Was können die Ärzte davon lernen?
Dr. Montgomery:
Der Bürgerdialog bietet uns die Möglichkeit, die Erwartungen und die Ängste der Bürger über ein zusätzliches Forum zu hören. Wir kennen diese Wünsche und Sorgen meist schon aus unserer täglichen Arbeit. Gelegentlich haben wir den Eindruck, dass Bürger zu hohe Erwartungen mit der Hightech-Medizin verbinden. Umgekehrt sind auch die Ängste teilweise unbegründet. Für uns ist es deshalb wichtig, uns mit den Menschen auch außerhalb der Behandlungssituation auszutauschen.

