Nachgefragt

© Karla Fritze / Universität Potsdam
Dr. Markus Feufel arbeitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin im Bereich Adaptives Verhalten und Kognition und am Harding Zentrum für Risikokompetenz. Als Experte und Mitglied des Beraterkreises nahm er am Bürgerdialog Hightech-Medizin teil. Im Interview berichtet Dr. Feufel über den Bürgerreport als wichtigen Impuls für die Telemedizin und spricht über Nutzen, Herausforderungen und Zukunft der Telemedizin.
Herr Dr. Feufel, in Ihrer Arbeit als Psychologe treffen Sie häufig auf Ärzte. Was sollten diese über den Bürgerdialog Hightech-Medizin wissen?
Während meiner Vorträge zum Thema "informierter Patient" erlebe ich oft Ärzte, die der Meinung sind, dass es zwar wünschenswert doch letzten Endes vergebens sei, Patienten zu informieren. Es mangle dem Patient an Verständnis oder Willensstärke, um sich in den Behandlungsprozess einzubringen, höre ich immer wieder. Selbstverständlich ist es nicht immer leicht, Patienten zu informieren, zumal wenn sie sehr krank sind. Für mich war es jedoch eines der wichtigsten Ergebnisse des Bürgerdialogs Hightech-Medizin, dass Bürger in ihre Versorgung miteinbezogen und über die verfügbaren Alternativen informiert werden wollen. Um ihrer wachsenden Verantwortung für die eigene Versorgung gerecht werden zu können, fordern sie daher mehr Gesundheitsbildung in der Schule und für Erwachsene. Ärzte und alle im Gesundheitssystem Arbeitenden sollten das wissen.
Über die Bereitschaft der Bevölkerung sich einzubringen habe ich zuletzt auch in einem Einführungsvortrag auf der 7. Landeskonferenz "Telematik im Gesundheitswesen" an der Universität Potsdam gesprochen. Gerade dieses Ergebnis des Bürgerdialogs wurde jedoch teilweise mit Skepsis von den anwesenden Experten der Telemedizin aufgenommen. Wir aus dem Beraterkreis, aber auch die Bürger selbst müssen daher diese Botschaft des Bürgerdialogs weiter mit Wort und Tat verbreiten, bis es ganz normal ist, dass Patienten informiert und gemeinsam mit den Ärzten Versorgungsentscheidungen treffen.
Bleiben wir bei dem Thema der Verantwortung. Wenn es darum geht, Gesundheitsfragen zu beantworten, spielt Wissen aus der Medizin, Statistik und Technik eine große Rolle. Welche neuen Fähigkeiten braucht es, sowohl seitens der Patienten als auch seitens des Versorgungspersonals und der medizinischen Experten, damit die Telemedizin optimal zum Einsatz kommen kann?
Mit der Telemedizin übernimmt der Patient mehr Verantwortung für die eigene Versorgung und das haben die Teilnehmer der Bürgerdialogs erkannt und klar in ihren Handlungsvorschlägen berücksichtigt. Damit die Telemedizin erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen Patienten medizinische Grundkenntnisse besitzen, die Evidenz verstehen, d. h. den Nutzen und die Risiken der telemedizinischen Anwendungen kennen und natürlich die Geräte technisch bedienen können. Das erfordert entsprechende Bildungsangebote und die Bereitschaft, diese auch anzunehmen.
Doch die bisher verfügbaren Geräte sind oft nicht auf die Bedürfnisse und Ziele ihrer Nutzer – seien es Ärzte, Pflegepersonal oder Patienten – zugeschnitten, geschweige denn einfach genug zu bedienen. Damit erhöht sich natürlich auch die Verantwortung der Experten – sowohl der Ärzte als auch der Ingenieure –, die Endnutzer der Telemedizin besser in den Entwicklungsprozess einzubinden. Wenn Experten mit Nutzern ins Gespräch kommen und genau zuhören, können deren Bedürfnisse und Fähigkeiten bei der Entwicklung telemedizinischer Anwendungen besser berücksichtigt werden. Letztlich können so Geräte entstehen, die Menschen helfen ihren Alltag besser zu bewältigen, anstatt zusätzlich zu erschweren.
Ein wichtiges Ergebnis des Bürgerreports ist es, dass bei der Telemedizin die Technik nicht die persönliche Beratung und Betreuung durch medizinische Fachkräfte ersetzt, sondern diese unterstützen. Wie kann das sichergestellt werden?
Nicht jeder medizinische Vorgang ist durch telemedizinische Anwendungen zu lösen. Zum Beispiel können Computer gut und schnell physiologische oder epidemiologische Daten verarbeiten, aber nur schlecht deren Bedeutung für die Lebensqualität eines Patienten abwägen.
Das heißt, wir müssen zuerst überlegen, welche Probleme durch Technik sinnvoll gelöst werden können, welche individuell abwägende Entscheidungen erfordern und welche beides. Idealerweise sollten wir erst nach einer solchen Bedarfsanalyse neue telemedizinische Anwendungen für klar definierte Probleme entwickeln.
Die rasante technische Entwicklung wartet jedoch oft nicht auf Bedarfsanalysen. Daher sollte sich jeder Bürger über telemedizinische Anwendungen sowie die verfügbaren Alternativen informieren und für sich selbst entscheiden, welche ihrer medizinischen Alltagsprobleme dadurch sinnvoll gelöst werden können und welche nicht. In diesem Sinn hat jeder Bürger und Patient das Recht Technik abzulehnen, wenn sie das medizinische Problem, für das sie entwickelt wurde, nicht adäquat lösen kann. Letztlich liegt es also an uns, ob sich die Befürchtung, dass Technik die persönliche Beratung und Betreuung ersetzt, verwirklicht.
Wie kann die Telemedizin für alle von Vorteil sein? Also auch ältere, kranke, ausländische oder gering ausgebildete Mitbürger unterstützen? Was ist mit Menschen, die sich mit der Technik nicht auskennen? Kann zu viel Technik nicht zu einer Art digitalen Zweiklassengesellschaft führen?
Wir haben bereits eine digitale Zweiklassengesellschaft. Unsere Forschung zeigt, dass eine digitale Kluft schon bei einfachen Fähigkeiten wie der Suche nach Gesundheitsinformationen im Internet deutlich wird. Im Vergleich zu jungen, erfahrenen Internetnutzern haben weniger interneterfahrene Menschen Probleme, relevante Informationen zu finden und lassen sich leicht durch zu viele Informationen ablenken.
Was kann man also tun, um die digitale Kluft zu überwinden? Technik soll uns bei der Bewältigung unseres Alltags helfen, nicht zusätzliche Probleme schaffen. Um das umzusetzen, müssen Menschen und Technik verstärkt aufeinander zugehen. Zum einen brauchen wir Bürger, die mit Technik sowie den Risiken einer modernen, technologisierten Welt umgehen können und bereit sind, sich die nötigen Grundkenntnisse anzueignen. Zum anderen brauchen wir technische Anwendungen, welche die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Nutzer besser berücksichtigen. Dazu müssen Ingenieure, Ärzte und Pflegekräfte vermehrt das Gespräch mit den Endnutzern der Telemedizin suchen. Zudem sollten existierende Richtlinien, wie man Informationen und medizinische Risiken verständlich darstellt oder einfach zu bedienende Technik entwickelt und testet, fester Bestandteil des Entwicklungsprozesses in der Telemedizin werden.

